Internationales Begegnungsprojekt zur Einbindung von Menschenrechtserziehung in den Geschichtsunterricht am Beispiel „Zwangsarbeit“
August 2004 - Dezember 2005
Partnerorganisationen:
Jugendzentrum für Menschenrechte und Rechtskultur, Moskau
Stiftung „Offene Gesellschaft“, Minsk
Das Projekt zielte darauf ab, Geschichtslehrer und Studenten in Menschenrechtsfragen, wie z.B. dem Problem der Zwangsarbeit in der Vergangenheit und Gegenwart, aus- und weiterzubilden.
Gemeinsam erarbeiteten die Trainer, Lehrer und Schüler der höheren Klassen den methodischen Leitfaden für Geschichtslehrer „Die Freiheit der Arbeit in der Vergangenheit und Gegenwart“, in welchem das Problem der Zwangsarbeit an den Beispielen der „Ostarbeiter“, der Gulag-Internierten, der Schwerstarbeit der Migranten und der Soldaten in der russischen Armee und der Kinderarbeit. Das erarbeitete Material kann bei der didaktischen Vermittlung verschiedenster Themenbereiche der Geschichte Russlands und Geschichte des 20. Jahrhunderts allgemein, aber auch im Rahmen des Sozialkundeunterrichts, und anderer Fächer mit gesellschaftswissenschaftlichem Bezug, verwendet werden.
Das Projekt wurde im Zeitraum August 2004 bis Dezember 2005 in vier Städten (Moskau, St. Petersburg, Minsk und Berlin) realisiert. In seinem Verlauf wurden drei Seminare für Lehrer und Studenten und sechs Fortbildungstreffen in den teilnehmenden Städten durchgeführt, sowie eine Studienreise nach Berlin unternommen, um dort an der Konferenz „Russisch-Deutsche Gespräche“ (22. bis 24. Oktober 2004) teilzunehmen. Alle Projektteilnehmer trafen sich zu einer abschließenden Konferenz vom 3. bis 5. Juni 2005 in St. Ptersburg.
Die Teilnahme am Projekt ermöglichte den Geschichts- und Sozialkundelehrern ihr Wissen über Menschenrechte im Allgemeinen und historische und aktuelle Aspekte der Zwangsarbeit im Besonderen zu erweitern. Darüber hinaus hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich vertiefender mit den Methoden wissenschaftlicher Arbeit auseinanderzusetzen. Fünfzehn Lehrer in drei Städten testeten im Verlauf eines Schuljahres den fakultativen Kurs „Zwangsarbeit in der Vergangenheit und Gegenwart“, dessen Grundlage Arbeitsergebnisse des „Jugendzentrums für Menschenrechte und Rechtskultur“ bildeten. Den Lehrern und Pädagogen wurde die einzigartige Möglichkeit gegeben, die Auffassungen, die in unterschiedlichen Unterrichtsmaterialien verschiedener Länder präsentiert werden, miteinander zu vergleichen.
Ergebnisse
1. In Moskau, St. Petersburg und Minsk wurden Gruppen aus Lehrern und Studenten gebildet. Die Teilnehmer erhielten nicht nur systematisches Wissen zu Menschenrechten, sondern wurden auch mit Methodiken vertraut gemacht, die auf eine didaktische Vermittlung dieses Wissens nicht nur in einzelnen, selbstständigen Unterrichtseinheiten, sondern auch im Rahmen des allgemeinen Geschichts-, Sozialkunde- und Rechtsunterrichtes, abzielen. Viele Lehrer, darunter auch zahlreiche russischstämmige Weißrussen, äußerten den Wunsch, an neuen Aufklärungsprojekten teilzunehmen. Während des „Probelaufes“ wurden mehr als 200 Schüler aus den höheren Klassenstufen mit Hilfe der neuen didaktischen Methodik und den erweiterten Inhalten unterrichtet.
2. Als Resultat der gemeinsamen Arbeit zwischen Trainern, Lehrern und Schülern ist der methodische Leitfaden „Zwangsarbeit und Menschenrechte: Vergangenheit und Gegenwart“ entstanden. Das Problem der Zwangsarbeit wurde am Beispiel der Ostarbeiter (Menschen, die in das faschistische Deutschland während des Zweiten Weltkrieges verbracht wurden) und der Insassen der Gulags exemplarisch behandelt. Weiterhin wurde setzten sich die Projektteilnehmer in diesem Rahmen mit der Schwerstarbeit, die sowohl Soldaten innerhalb der russischen Armee, als auch illegalen Migranten auferlegt wurde, der Kinderarbeit und anderer Fallbeispiele der vergangenen und gegenwärtigen Situation auseinander.
Die Materialien für das methodische Lehrbuch sammelten die Lehrer gemeinsam mit ihren Schülern im Rahmen eines fakultativen Kurses; der ungefähre Inhalt des Buches wurde von Fachkräften des Jugendzentrums für Menschenrechte erarbeitet. Nachdem den Schülern ein Überblick über Menschenrechte im Allgemeinen, und über das Problem der Zwangsarbeit im Speziellen vermittelt worden war, untersuchten sie selbst einzelne Aspekte des Themas. Die Schüler führten Interviews durch, arbeiteten in Museen und Bibliotheken und trafen sich mit Experten.
Das Lehrbuch kann bei der Erarbeitung verschiedenster Themen im Rahmen des Unterrichts russischer und internationaler Geschichte des 20. Jahrhunderts verwendet werden, aber auch im Sozialkunde- und Rechtsunterricht und anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern eingesetzt werden.
Das methodische Lehrbuch „Freiheit der Arbeit in der Vergangenheit und Gegenwart“ wird in einer Auflage vom 916 Exemplaren im Februar 2006 vom Verlagshaus „Neues Lehrbuch (Íîâûé ó÷åáíèê)“ verlegt.
Das Buch wurde im Rahmen eines Probelaufes an 15 Schulen getestet. Lehrer können das Buch bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Unterrichtsstunden in den Fächern Geschichte, Literatur, Sozial- und Rechtskunde verwenden. Da beim Zusammenstellen des Lehrbuches die politische Gesamtlage in Russland und Weißrussland berücksichtigt wurde, kann sich die hier empfohlene Herangehensweise bei der didaktischen Vermittlung von Menschenrechten und deren Schutz (die Gegenwart aus der Geschichte heraus betrachtend; vom Erfassen des konkreten Problems der Zwangsarbeit hin zu einem Verständnis dessen, was Menschenrechte und den demokratischen Rechtsstaat im Wesentlichem ausmacht ) als äußerst praktikabel erweisen. Besonders in Schulen mit einem geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Profil, wird sich dieser Leitfaden als unersetzlich erweisen.
3. Das Thema der „Zwangsarbeit in der Vergangenheit und Gegenwart“ ist für Schüler und Lehrer unumgänglich. Von dieser Tatsache zeugen die Stellungnahmen der Schüler (Teilnehmer des Projektes), das Auftreten der Lehrer auf der Abschlusskonferenz und die Themen der Beiträge, die von Lehrern, die an Fortbildungsmaßnahmen im MIOO und im Umkreis von Moskau teilnahmen.
4. Das an Unterrichtsprojekten erarbeitete Schema scheint besonders gelungen, da es, für russische Schulen eher ungewöhnlich, von Vertretern verschiedener Generationen und verschiedener fachlicher Ausrichtungen gemeinsam erarbeitet wurde.
Als „Nebenprodukt“ ergibt sich für die Teilnehmer die Möglichkeit, Techniken zu erlernen, die für das wissenschaftliche Arbeiten unerlässlich sind, so z.B. das Durchführen von Interviews, das Erstellen und Auswerten von soziologischen Fragebögen, der Umgang mit historischen Quellen, die Recherche im Internet, das Führen von Gesprächen mit Experten. Für zukünftige Unternehmungen wäre es daher sinnvoll, diese Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens zu überarbeiten und in einer gesonderten Broschüre herauszugeben.
5. Vom 3. bis 5. Juni 2005 fand die internationale Konferenz „Geschichtsunterricht und Menschenrechte: Das Unterrichten von Geschichte und Menschenrechten in russischen, weißrussischen und deutschen Schulen“ In St. Petersburg statt. Die Konferenz wurde mit Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der Diktatur der SED „Stiftung Aufarbeitung“ als Teil des Bildungsprojektes „Geschichtsunterricht und Menschenrechte“ organisiert. Eine der wichtigsten Aufgaben der Konferenz bestand darin, den führenden Bildungskräften auf dem Sektor der Menschenrechte das Kennenlernen und den Austausch mit Kollegen und Organisationen aus den anderen Teilnahmeländern des Projektes zu ermöglichen und sich gegenseitig Projekte und Situation in den jeweiligen Ländern zu vorzustellen. Die wichtigsten Punkte, die im Verlauf der Diskussion besprochen wurden, sind:
Wie haben sich die offizielle Geschichtspolitik und die historische Erinnerung in Bezug auf den Krieg in den drei Ländern verändert und wie wirken sich diese Veränderungen auf den Inhalt des Geschichtsunterrichtes in den Schulen aus? Wie wird in den russischen, weißrussischen und deutschen Schulen die jeweilige totalitäre Vergangenheit im Unterricht besprochen? Welche Projekte, die alle Schulen mit einbeziehen, beschäftigen sich mit dieser Thematik? Welche Möglichkeiten gibt es für die Einarbeitung der Thematik „Menschenrechte“ im Geschichtsunterricht? Wie kann eine wechselseitige Zusammenarbeit und Austausch von Material und Informationen zwischen den Wissenschaftlern und Lehrern gewährleistet werden?
6. Vom 18. bis 30. Juli 2005 wurde in der Pskover Region das internationale Sommerlager „Theater hilft Geschichte verstehen“ organisiert, an dem 40 Schüler aus Deutschland, Weißrussland und Russland teilnahmen.
7. Die Internetseite, die als Teil des Projektes ins Leben gerufen wurde, bietet eine Vielzahl von nützlichen Informationen zu Bildung auf dem Sektor der Menschenrechte.
8. Unter den Schwierigkeiten, die verbunden mit dem Projekt auftraten, muss die geringe Bereitwilligkeit der deutschen Teilnehmer zur Integration in das Projekt unbedingt erwähnt werden.
Aufgrund fehlender finanzieller Mittel ist es uns nicht gelungen, im Rahmen der regulären Veranstaltungen in Berlin einen Lehrer in die Gruppe zu integrieren, der als Multiplikator hätte fungieren können. In gewissem Umfang war es uns möglich, dieses Defizit im Verlauf der Konferenz und des Sommerlagers, an dem 20 deutsche Schüler teilnahmen, auszugleichen. Im Sinne einer Empfehlung für zukünftige internationale Bildungsprojekte, sollte die Finanzierung einer Koordinatorenposition auf deutscher Seite während des gesamten Projektverlaufs garantiert werden. Weiterhin erscheint uns eine Teilnahme deutscher Wissenschaftler, die das Material nach methodischen Aspekten in deutscher Sprache erarbeiten, als unbedingt notwendig.